64 Rudolf Sellheim düng oder doch Linderung der Not nach Kräften mitzuarbeiten. Wie muss unseren Entschlafenen erst der zweite, viel, viel schlimmere Zusammenbruch unseres Volkes geschmerzt haben! Der war für ihn um so schmerzlicher, als er auch für ihn persönlich bittere Not und harte Entbehrung mit sich gebracht hat. Aber verzagt und verzweifelt beiseite gestanden hat er auch jetzt nicht. Vielmehr hat er da zugegriffen, wo er zugreifen konnte, und nun die Mahnung, die er drei Jahrzehnte vorher den Studenten zugerufen hatte, durch unermüdliche wissenschaftliche Arbeit das Verlorene, soweit möglich, wiederzugewinnen, selbst befolgt. Durfte er die Erfüllung seines und unseres Herzenswunsches nach Wiedervereinigung unseres geteilten Vaterlandes auch nicht erleben, so hat er doch gesehen, dass unser Volk, das zunächst ganz am Boden lag und mit dem es aus zu sein schien, sich wieder erhoben und die Achtung der Welt zurückzugewinnen begonnen hat. An seinem ganz persönlichen Teil hat er das in schönster Weise erleben dürfen. Die Regierung unserer engeren Heimat hat ihm vor fünf Jahren die höchste ihr zur Verfügung stehende Auszeichnung50 verliehen, und 1954 ist ihm von tausend aus aller Welt nach Cambridge zum 23. Internationalen Orientalisten­ kongress zusammengeströmten Gelehrten nicht nur ohne jeden Widerspruch, sondern mit einmütiger freudiger Zustimmung die Medaille51 zuerkannt worden, die alle drei Jahre dem bedeutendsten Semitisten der Welt verliehen wird. Ja, Carl Brockeimann hat wirklich durch seine wissenschaftlichen Leistungen den deutschen Namen in der Welt wieder zu Ehren zu bringen geholfen. Die vierte Gemeinschaft aber, der unser Bruder ergeben war, das war unsere Evangelische Kirche. Sein wissenschaftliches Arbeitsgebiet weist mit der Theologie mannigfache Berührungen auf, schon dadurch, dass die Hebräische Sprache, in der das Alte Testament abgefasst ist. wie die anderen semitischen Sprachen von ihm gründlich untersucht worden ist. Er hat sich aber auch mit Fragen, die den Gehalt der christlichen Religion selbst angehen, beschäftigt, etwa über die geschichtliche Entwicklung der biblischen Gottesvorstellung gearbeitet. Als Historiker hat er—das versteht sich fast von selbst—dabei nicht alle kirchlichen Überlieferungen sich aneignen können, vielmehr dieser oder jener dogmatischen Aussage kritisch gegen­ übergestanden. Aber evangelischer Christ ist er geblieben. Die Heilsgüter, wie sie sich in den grossen christlichen Festen verkörpern — Advent und Weihnachten, Karfreitag und Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten—waren ihm teurer persönlicher Besitz. So durften wir ein Himmelfahrtswort, das mahnt „Trachtet nach dem, das droben ist, nicht nach dem, das auf Erden 50 Gemeint ist der „Nationalpreis" der DDR. 51 Gemeint ist die „Lidzbarski-Medailie" der Internationalen Lidzbarski-Stiftung zur Förderung der Semitischen Philologie und Linguistik